{"id":102,"date":"1995-04-02T19:50:33","date_gmt":"1995-04-02T17:50:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ooxoo.info\/?p=102"},"modified":"1995-04-02T19:50:33","modified_gmt":"1995-04-02T17:50:33","slug":"neunter-rundbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brixworx.de\/?p=102","title":{"rendered":"neunter Rundbrief"},"content":{"rendered":"<p>Neunter Rundbrief, in dem beschrieben wird, wie wir nach Kibisem eingeladen werden, wie eine Frau ihren Mann steht und dass UNEP unser Projekt als f\u00f6rderw\u00fcrdig erachtet.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe gleicht mit ihrer welligen Oberfl\u00e4che, den Schlagl\u00f6chern und den ausgefransten Seiten einem  wenige Meter breiten und mehrere Kilometer langen Lavastrom. Wir holpern mit einem klappernden Gel\u00e4ndewagen \u00fcber die wenige Meter parallel zur \u201eStra\u00dfe\u201c verlaufenden Piste \u2013 die eigentliche Stra\u00dfe ist schon seit Jahren nicht mehr befahrbar.<br \/>\nIch frage mich, wie viele Bauunternehmer sich wohl wieder einen Fernseher zugelegt haben und wie viel der eingesparte Unterbau wohl wert gewesen sein mochte. Die ersten und die letzten Meter wurden noch mit Unterbau ausgef\u00fchrt \u2013 die 30 bis 40 Kilometer dazwischen jedoch offensichtlich nur mit Spritzguss angefertigt. <\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Diesmal endet unsere Fahrt in Kibisem, einem kleinen Dorf im Nandi District am Fusse des Escarpments. Auf der Fahrt erwies Llonah sich als redefreudige Lehrmeisterin, die mir erkl\u00e4rte, wie wichtig es ist, die lokale Bev\u00f6lkerung in die Entwicklung und Planung  mit einzubeziehen: \u201eWir gr\u00fcndeten vor einigen Jahren eine Wasserquelle f\u00fcr eine Gruppe von Farmern, die sich nicht aktiv am Bauvorgang beteiligten. Bereits nach kurzer Zeit erschienen ohne die notwendige Instandhaltung die ersten Risse m Beton und der Wasserstrom verringerte sich. Das war nicht etwa Anlass, sich um die Quelle zu k\u00fcmmern \u2013 nein, die Farmer kamen zu uns, zeigten uns die kaputte Mauer und fragten: \u201aWo sind die Handwerker, die diese Quelle gesch\u00fctzt haben? Sie sollen kommen und die Mauer abdichten\u2019. \u2013 keine Identifikation mit dem Projekt, keine Eigeninitiative \u2013 in ihren Augen war das \u201aunser\u2019 Projekt und damit unsere Zust\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>Wenn die Leute aber selbst mit anpacken m\u00fcssen, selbst Materialien und Arbeit beisteuern m\u00fcssen, dann wird es zu \u201aihrem\u2019 Projekt, dann liegt ihnen etwas an ihrer Investition und sie k\u00fcmmern sich mit der notwendigen Eigeninitiative.\u201c \u2013 Das war zugleich der Sinn unserer Fahrt und unseres Treffens mit der \u201elocal community\u201c: zu sehen, ob die Menschen in Kibisem bereit sind, die Arbeit an der Quelle zu unterst\u00fctzen&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Bereits eine halbe Stunde zu sp\u00e4t trafen wir ein und machten uns auf die Suche nach den Anwohnern. Nur ein Teil der community war anwesend \u2013 ein paar M\u00e4nner \u2013 die Frauen mussten sich noch um das Essen f\u00fcr die gerade aus der Schule heimgekehrten Kinder k\u00fcmmern. Einer der Farmer l\u00e4dt uns auf einen Chai (Tee) in seinen Haus ein (\u201ees ist nicht weit\u201c). Sein Haus liegt direkt am Fu\u00dfe des Berges, an dessen Hang die Quelle sprudelt \u2013 150 bis 200 H\u00f6henmeter \u00fcber dem Dorf. Auf reines Wasser bedacht wird es direkt von der Quelle geholt. Und wenn es Streit mit der Dorfgemeinschaft gibt, die n\u00e4her an der Quelle wohnt, wird das Wasser von der n\u00e4chsten Quelle geholt \u2013 mit f\u00fcnf bis zehn Kilometern Fu\u00dfweg.<\/p>\n<p>Der Chai besteht aus einer gro\u00dfen Portion Ugali (Maispolenta), Sukuma (Gem\u00fcse) und einem geschlachteten H\u00fchnchen. Nat\u00fcrlich gibt es auch Tee \u2013 davor, dabei und danach&#8230; Die Nandi verstehen es, ihre Besucher mit Gastfreundschaft umzubringen!<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Sie bewegt sich kaum \u2013 langsam dreht sie ihren Kopf. Der K\u00f6rper wird von ast unmerklichen Schwingungen erfasst. Dann macht sie sich z\u00f6gernd auf  den Weg. Ich wende mich von der Gottesanbeterin ab und wieder dem Meeting zu. Ein kleiner Tisch und viele St\u00fchle bieten den W\u00fcrdigen Platz f\u00fcr den Vorsitz \u2013 der Rest der Dorfgemeinschaft hat es sich im Schatten eines Baumes bequem gemacht. Ich z\u00e4hle 100 bis 120 Personen, die da auf dem Boden sitzen.<\/p>\n<p>Das Treffen wird durch den stellvertretenden Chief er\u00f6ffnet \u2013 einen jungen hageren Mann in Tarnfarbenjacke mit schwarzem Barett und \u201eHolzpr\u00fcgel\u201c an dem G\u00fcrtel \u2013 einem \u00dcberbleibsel der alten Kultur, in der ein Mann ohne Waffe in der \u00d6ffentlichkeit nicht als Mann galt. Den Anschluss bildet die kurze Vorstellung der Dorfvorsteher \u2013 leider nur in Kinandi.<\/p>\n<p>Erst jetzt fallen mir die Frauen auf  &#8211; etwa drei\u00dfig an der Zahl, abseits unter einem gro\u00dfen Busch sitzend (der Kultur der Nandi und dem Prinzip \u201eto be seen but not to be heared\u201c folgend).<\/p>\n<p>Der stellvertretende Dorfvorsteher erkl\u00e4rt, wie der Preis f\u00fcr eine Quellenfassung zustande kommt. Die Frage, um die es bei diesem Treffen eigentlich gehen soll (wie viel jeder Haushalt zu der Quellfassung beisteuern wird), wird erst sp\u00e4ter er\u00f6rtert.  Da auch er seine Ansprache in Kiswahili h\u00e4lt (ich verstehe nur das h\u00e4ufig eingestreute \u201eJehova\u201c, mit dem die einzelnen Aussagen unterstrichen werden) werden mir wichtige Partien des Vortrags ins Englische \u00fcbersetzt. Im Anschluss spricht Llonah in ihrer Funktion als \u201eRegional Development Coordinator\u201c \u00fcber die Notwendigkeit von sauberem Wasser.<\/p>\n<p>\u201cWarum fangen wir nicht gleich morgen an \u2013 mit der Finanzierung und mit dem Bau?\u201c unterbricht fragt einer der Farmer und gibt den Holzstab und damit das Rederecht an den n\u00e4chsten Farmer weiter und setzt sich von lautem Klatschen begleitet wieder in den Schatten: \u201eEs geht doch um unsere Zukunft und unsere Kinder!\u201c<\/p>\n<p>Es wird geklatscht, gelacht, gescherzt \u2013 und dann wieder todernst diskutiert. Wichtige Erkl\u00e4rungen werden mit langgezogenen Silben und weit ausholenden Gesten unterlegt. Als man gerade dabei ist, sich auf 50\/= Beitrag pro Haushalt zu einigen (zu mehr k\u00f6nnen sich die M\u00e4nner nicht durchringen, auch wenn es das Projekt beschleunigen w\u00fcrde) erhebt sich eine der Frauen: \u201eWenn Ihr Euch auf 50\/= einigt, dann trennen wir uns von unseren M\u00e4nnern und steuern 100\/= bei! Wir sind es, die am meisten leiden! Wir, die Frauen sind es, die das Wasser holen m\u00fcssen! Wenn Ihr es nicht tut, dann sorgen wir Frauen f\u00fcr den Rest!\u201c Sie setzt sich wieder unter den Busch und zwei Frauen unterbrechen mit ihrem gurgelnden Lachen das betretene Schweigen. Nur langsam kommt die Diskussion wieder zustande.<\/p>\n<p>\u201c\u00dcberall in der sogenannten dritten Welt sind es die Frauen, die die Dinge ver\u00e4ndern. Will man etwas bewirken, muss man zu den Frauen gehen, sagen die Entwicklungshelfer, die schon in einem halben Dutzend L\u00e4nder gearbeitet haben\u201c schreibt Doris Lessing in \u201eAfrican Laughter\u201c. Und die Frauen bewirken etwas \u2013 man einigt sich auf 100\/= je Haushalt (das monatliche Einkommen liegt bei 800\/= bis 1000\/=). F\u00fcnf Familien werden es wahrscheinlich schwer haben, aber die restlichen Farmer k\u00f6nnen das Geld aufbringen.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der aus Isiolo stammende \u201ePublic Health Technician\u201c \u00fcber einen Vortrag \u00fcber Probleme wie das Vieh an der Wasserquelle, Krankheiten und Erosionen spricht, steht ein \u00e4lterer Mann auf. Der \u201eMzee\u201c tr\u00e4gt graue zerschlissene Kleidung, einen ausgefransten Strohhut und keine Schuhe. Er geht zum Dorfvorsteher, greift in die Tasche und macht die erste Anzahlung. \u201eDas Wasser soll so schnell wie m\u00f6glich kommen\u201c fl\u00fcstert mit Llonah ins Ohr. \u201eEr hat schon lange genug gewartet.\u201c<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Im Anschluss gibt es noch einen weiteren Beitrag zum Thema Malaria und Malariaprophylaxe. Ein Zuh\u00f6rer meldet sich zu Wort: \u201ees gibt doch gar keinen Strom hier f\u00fcr Ventilatoren \u2013 und ein Bett, \u00fcber dem ich ein Netz aufh\u00e4ngen soll, habe ich auch nicht!\u201c Das Ende des Vortrags wird h\u00f6flich abgewartet \u2013 aufmerksam, aber mit dem Wissen, dass ein Moskitonetz mehr als 300\/= kostet \u2013 und damit f\u00fcr die bis zu 12 Kopf gro\u00dfen Familien ein unfinanzierbarer Traum bleiben wird.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>An eine Heimkehr war jedoch noch nicht zu denken \u2013 drei Tassen Chai und zwei Chapati waren das zu bew\u00e4ltigende Minimum, bevor wir wieder entlassen wurden. W\u00e4hrend des Essens im Hoteli erl\u00e4uterte Llonah mir ihre Erz\u00e4hlstrategie: In der modernen Kultur der Nandi muss ein Br\u00e4utigam mindestens drei Wagen stellen, um die Braut und die singenden Kinder abzuholen. Da sich jedoch kein Haushalt drei Autos leisten kann, leiht man sich den Rest zusammen \u2013 notfalls auch bei der Familie der Braut. Llonah fragte die Farmer, ob sie so lange warten wollen, bis \u201eihre Braut\u201c vom Berg steigt, oder ob sie mit anfassen und \u201eeinen Wagen schicken\u201c wollen. Das laute Klatschen und die beigesteuerten 17.500\/= (von ca. 30.000 bis 40.000\/=) gaben ihr recht&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Unser Antrag an UNEP wurde in Teilen akzeptiert  und so erh\u00e4lt das CITC in naher Zukunft 2.750 U$D f\u00fcr die exemplarische Fassung von zwei Quellen, sowie f\u00fcr die Entwicklung einer kleinen Informationsbrosch\u00fcre, die sich mit der Notwendigkeit, der Konstruktion und der Instandhaltung von Wasserquellgr\u00fcndungen befassen soll. Damit wurde zwar unser erster Antrag auf die Finanzierung von 10 bis 16 Projekten abgelehnt, aber die \u00d6ffentlichkeitsarbeit erheblich unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neunter Rundbrief, in dem beschrieben wird, wie wir nach Kibisem eingeladen werden, wie eine Frau ihren Mann steht und dass UNEP unser Projekt als f\u00f6rderw\u00fcrdig erachtet.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-102","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ben-in-kenia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=102"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}