{"id":106,"date":"1995-06-26T19:54:47","date_gmt":"1995-06-26T17:54:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ooxoo.info\/?p=106"},"modified":"1995-06-26T19:54:47","modified_gmt":"1995-06-26T17:54:47","slug":"dreizehnter-rundbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brixworx.de\/?p=106","title":{"rendered":"dreizehnter Rundbrief"},"content":{"rendered":"<p>Dreizehnter Rundbrief, in dem ich \u201ewei\u00dfe Elefanten\u201c sehe, eine Fischfabrik in der W\u00fcste besuche und in dem ein Kilogramm Margarine 100 DM kostet.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Im \u201ejournal of personality and social psychology\u201c wurden vor einiger Zeit folgende Gr\u00fcnde f\u00fcr das Scheitern von Planungen aufgef\u00fchrt:<br \/>\n&#8211; die eigene Zeit f\u00fcr eine Handlung wird stets zu niedrig eingesch\u00e4tzt<br \/>\n&#8211; bei Planungen werden fast nie Erfahrungen mit zuvor gescheiterten Zeitplanungen zu Rate gezogen, sondern immer nur ideale Szenarien ausgemalt<br \/>\n&#8211; gescheiterte Zeitvorstellungen werden oft besonderen Umst\u00e4nden zugeschoben, die bestimmt nicht noch einmal eintreten werden und daher auch nicht noch einmal einkalkuliert werden<br \/>\n&#8211; einzige Sicherung von Zeitpl\u00e4nen sind Stichtage, auch wenn die Hauptarbeit in kurzen Zeitr\u00e4umen vor den Terminen erledigt wurden<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dazu noch eine weitere These aufstellen, die zumindest in Kapsabet zuzutreffen scheint: Der Grund f\u00fcr das Scheitern von Pl\u00e4nen liegt nicht nur in der ihnen zugedachten Zeit, sondern auch in den Ideen, aus denen und den Vorstellungen, mit denen Pl\u00e4ne entwickelt werden. Ein Beispiel: (&#8230;)<\/p>\n<p>Ziel jenes Programms war die Versorgung von \u00fcber 100 Haushalten mit trinkbarem Wasser \u2013 frisch von der Quelle durch die Pumpe und Wasserspeicher ins Haus. Da dieses projekt zu einer Verbesserung des Lebensstandards von \u00fcber 500 Menschen beitragen sollte, wurde es bereitwillig aus \u00dcbersee unterst\u00fctzt (finanziert). Nach Planung, Konstruktion, Einweihung und dem ersten Monat wurde den Nutznie\u00dfern jedoch auf einmal klar, dass der Dieselmotor ohne Diesel nicht motort \u2013 und dass niemand Diesel kaufen wollte. Allein der District Commissioner und ein weiterer regierungsbesch\u00e4ftigter k\u00fcmmerten sich um den Kraftstoff, weiterten sich jedoch, die Kosten f\u00fcr die gesamte Anwohnerschaft zu \u00fcbernehmen \u2013 und klemmten die \u00fcbrigen Haushalte kurzerhand von der Wasserversorgung ab. Resultat: zwei Haushalte , die mit flie\u00dfendem Wasser versorgt werden und eine Dorfgemeinschaft, deren Frauen nach wie vor mit Kanistern zu den weit entfernten Wasserquellen laufen m\u00fcssen. Wahrscheinlich wird das Projekt seit der Einweihung als \u201eerfolgreich abgeschlossen\u201c in den B\u00fcchern der Hilfsorganisationen gef\u00fchrt \u2013 oder seit der letzten Evaluation als \u201eProjekt fehlgeschlagen\u201c bewertet&#8230;<\/p>\n<p>Traurig finde ich in diesem Zusammenhang, dass dieses Projekt fast direkt neben dem neu geplanten Vorhaben liegt. Da die Nutznie\u00dfer die Bewohner des Nachbardorfes nicht beteiligen wollten und ihnen das Wasser verweigerten, planen diese nun ihr eigenes Projekt. Nur von diesem Hintergrund wird wahrscheinlich leider nie jemand etwas erfahren&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Ein anderer \u201ewhite elephant\u201c: Am Rande des Lake Turkana wurde mit Unterst\u00fctzung einer norwegischen Hilfsorganisation eine Fischfabrik gebaut, um den Einheimischen eine Einkommensquelle zu geben. Da jedoch die Stromleitungen ca. 200 bis 300 Kilometer s\u00fcdlich enden und die Leitungen auch Jahre nach Fertigstellung der Fabrik noch nicht weitergebaut wurden, ruhen die Maschinen nach wie vor in der W\u00fcste. Au\u00dferdem wurde nicht ber\u00fccksichtigt, dass der See mit den flachen Ufern seit Jahren langsam austrocknet. Inzwischen ist die Uferlinie etwa drei Kilometer gewandert, so dass wir es mit einer Fischfabrik mitten in der W\u00fcste zu tun haben. Doch die Einheimischen wissen sich zu helfen und haben der Ruine mit den Wellblechd\u00e4chern eine neue Funktion gegeben: auf den sich in der Sonne erbarmungslos aufheizenden Wellblechd\u00e4chern werden heute Fische getrocknet \u2013 mitten in der W\u00fcste&#8230;. <\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Auf dem Markt in Kapsabet zahle ich f\u00fcr f\u00fcnfzehn kleine Bananen (die hier auch richtig nach Banane schmecken) 10\/=, f\u00fcr eine Ananas 20\/= &#8211; nicht einmal 30 bzw. 60 Pfennige&#8230; \u2013 geht man von einem Durchschnittseinkommen eines kenianischen Arbeiters von 2.000\/= aus (reale Zahlen \u2013 nicht die von der Regierung ver\u00f6ffentlichten) und betrachten noch einmal die Ananas, dann ist dies bereits 1% des Monatsgehalts! Noch verst\u00e4ndlicher wird es, wenn man die Zahlen nach Deutschland mitnimmt und von einem Gehalt von 2.000 DM ausgeht. So w\u00fcrde die Ananas hier auf einmal 20 DM kosten und ein Laib Brot 15 DM \u2013 genau so viel, wie 0,3 l Cola. Ein Kilo Margarine w\u00e4re f\u00fcr 100 DM zu haben und ein Liter H-Milch f\u00fcr 20 DM.<\/p>\n<p>Und jetzt wenden wir unseren Blick dem \u201eHelfer\u201c zu, der neben der schier unbezahlbaren Butter nicht nur ein Glas Erdnussbutter f\u00fcr 80 DM auf dem Tisch stehen hat, sondern auch diverse Gl\u00e4ser mit Marmelade f\u00fcr 150 DM und der monatlich Briefe mit Briefmarken im Wert von 400 bis 600 DM versendet&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Wer durch Kapsabet schlendert, der wird die vielen Bauruinen nicht \u00fcbersehen k\u00f6nnen. Das CITC selbst ist von zwei Projekten eingerahmt: eine kleine Siedlung, die f\u00fcr die Unterbringung von Polizisten geplant war und die offiziell fertig gestellt wurde, in der jedoch nur M\u00e4use und Spinnen leben. Die Gelder, die in dieses Projekt geflossen sind, bleiben in diesem Stadium h\u00e4ngen: gebraucht, blockiert und nutzlos&#8230; Auf der anderen Seite zwei mehrgeschossige Mehrfamilienh\u00e4user. Die Fundamente wurden parallel gegossen, die Ger\u00fcste simultan hochgezogen und die Konstruktion beider Geb\u00e4ude gleichzeitig abgebrochen, als das Geld alle war&#8230; Nun strecken zwei weitere Betonskelette ihre Bewehrungsst\u00e4hle in die Luft, fallen langsam zusammen und dienen der umliegenden Bev\u00f6lkerung als Materiallager. Die Askari (angeheuerte W\u00e4chter) besch\u00e4ftigen sich derzeit mit dem Verkauf aller Dinge, die nicht niet- und nagelfest sind&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dreizehnter Rundbrief, in dem ich \u201ewei\u00dfe Elefanten\u201c sehe, eine Fischfabrik in der W\u00fcste besuche und in dem ein Kilogramm Margarine 100 DM kostet.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-106","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ben-in-kenia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=106"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}