{"id":107,"date":"1995-07-17T19:55:55","date_gmt":"1995-07-17T17:55:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ooxoo.info\/?p=107"},"modified":"1995-07-17T19:55:55","modified_gmt":"1995-07-17T17:55:55","slug":"vierzehnter-rundbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brixworx.de\/?p=107","title":{"rendered":"vierzehnter Rundbrief"},"content":{"rendered":"<p>Vierzehnter Rundbrief, in dem ich ein wenig \u00fcber den Anderen Dienst im Ausland philosophiere, \u00fcber Abenteuerlust und das Ausbrechen sinniere und erfahre, warum in letzter Zeit so viele Leute aus dem Wasserwerk das CITC mit Eimern in der Hand besuchen.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>\u201eDer Mensch der anderen lernte, in Gemenschaft zu leben. Tausend H\u00e4nde vereinten sich, um die Erde zu verwandeln. Und die gemeinsame Arbeit auf dem Feld verwandelte sich in Tanz und Musik.\u201c (Nicolas Matayoshi, Peruanischer Dichter)<\/p>\n<p>Ich bemerke, wie ich mich zunehmend scheue, das Wort \u201eentwickelt\u201c zu benutzen und mich immer \u00f6fter frage, unter welchen Kriterien \u201eEntwicklung\u201c zu betrachten ist&#8230; &#8211; Der Mensch der anderen kam als Entwicklungshelfer, entwickelte sich und kehrte als Entwicklungshelfer wieder heim.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>\u201eStatt Kinder zu h\u00fcten \u00fcbersetzt er jetzt technische Gebrauchsanweisungen vom Deutschen ins Englische, statt alte Menschen zu pflegen gr\u00e4bt er mit Einheimischen nach Wasserquellen. Alles im Auftrag eines internationalen Hilfsprojektes (&#8230;). Letzte Woche hatte es einen Blitzschlag gegeben, der die Telefonleitung stilllegte und die Verbindung zur Au\u00dfenwelt abschnitt.\u201c (Markus P\u00f6nitz, \u201eEntwicklungshilfe oder Abenteuerurlaub \u2013 was junge Menschen an der dritten Welt interessiert\u201c)<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Was also interessiert einen jungen Menschen an der dritten Welt, dass er sich entschlie\u00dft, einen sogenannten \u201eAnderen Dienst im Ausland\u201c anzutreten \u2013 bedeutet es doch den freiwilligen Verzicht auf s\u00e4mtliche Vorteile, die ihm Wehr- und Zivildienst im eigenen Land bieten w\u00fcrden. Der ADiA ist ein Dienst, der unendgeldlich geleistet wird, zwei Monate l\u00e4nger dauert als der Zivildienst, erfordert eine eigenverantwortliche Vorbereitung ohne Hilfe seitens des Staates und bedeutet, dass das eigene System f\u00fcr eine bestimmte Zeit verlassen wird \u2013 f\u00fcr einen Zeitraum, nach dem eine Wiedereingliederung schon ein paar Probleme bereiten kann&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>In den vergangenen Monaten haben sich so auch einige Ansichten und Einstellungen wandeln m\u00fcssen. W\u00e4hrend ich noch in Deutschland einen recht naiven Ansatz (\u201eich will den armen Menschen da unten helfen\u201c) als Ziel meines ADiAs benannt habe, kann ich mir inzwischen eingestehen, dass eine geh\u00f6rige Portion Abenteuerlust bei der Geschichte nicht fehlen darf. Ohne das Interesse an fremden L\u00e4ndern, Kulturen und Menschen und ohne die Bereitwilligkeit, auch einmal Risiken einzugehen, w\u00e4re dieser Auslandsdienst nicht m\u00f6glich gewesen. Nie zuvor war mir so klar, wie sehr das Lernen diese Form der Offenheit und Toleranz erfordert &#8211; wie wichtig es sein kann, seine eigenen Ma\u00dfst\u00e4be auch einmal in den Schatten zu stellen und andere Werte zu akzeptieren.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Ist der Mensch jedoch tats\u00e4chlich in der Lage, sich an alles zu gew\u00f6hnen, bedeutet dies auch, dass ein \u201eAusbrechen\u201c aus dem gewohnten Leben immer nur f\u00fcr eine begrenzte Zeit exotisch und faszinierend sein wird&#8230; Warum bricht ein Mensch also aus? Ist es nicht meist der Ausbruch aus einer verdammten Allt\u00e4glichkeit? Wird sich das \u201eGew\u00f6hnungstier Mensch\u201c nicht innerhalb k\u00fcrzester Zeit an seine neue Umgebung, seine neue Arbeit und seine neuen Freunde gew\u00f6hnen? Gibt es Wege zur sanften Umorientierung und Sensibilisierung, die dieses Ausbrechen gar nicht erst n\u00f6tig machen?<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>\u201eMit dem Leben in Kenia ist der zuk\u00fcnftige Architekturstudent sehr zufrieden. \u201aIch mache hier nicht Entwicklungshilfe f\u00fcr die Menschen, sondern f\u00fcr mich\u2019, analysiert er seinen Aufenthalt. Auch er entwickle sich, lerne eine andere Sicht von Deutschland und eine ungeahnte Gelassenheit: \u201ahier l\u00e4uft alles ein wenig langsamer\u2019.\u201c (Markus P\u00f6nitz, \u201eEntwicklungshilfe oder Abenteuerurlaub \u2013 was junge Menschen an der dritten Welt interessiert\u201c)<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>\u201eWenn Du kommst, so komme nicht mit \u201aich wei\u00df\u2019 (was Du brauchst), \u201aich habe\u2019 (was Dir fehlt) und \u201aich will\u2019 (Dir helfen), sondern komme einfach mit \u201aich bin\u2019! Sei offen f\u00fcr Neues, bereit zum Aufnehmen und Eintauchen \u2013 aber bleibe Dir stets Deiner eigenen Identit\u00e4t bewusst, sei offen und lerne!\u201c (Tagebucheintrag vom 07.03.1995)<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Stromausfall \u2013 Phill wird 15 Schilling sparen m\u00fcssen, sich in sieben Tagen eine Zeitung besorgen und nachlesen m\u00fcssen, ob der Ball seines Lieblingsteams noch ins Netz gegangen ist, Julian sollte sich in Zukunft merken, wo er seinen Kocher mit dem Reis hinstellt und ich sollte nicht immer meine verdammten Streichh\u00f6lzer verlegen&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Die Wasserwerke haben die letzten Stromrechnungen nicht bezahlt, so dass ihnen der Strom (und Kapsabet damit das Wasser) abgedreht wurde. Doch daf\u00fcr hat die Regenzeit eingesetzt und \u00fcbersch\u00fcttet uns in tropischer Manier mit dem kostbaren Nass. In so einer Situation hilft dem CITC ein Frischwassertank mit knapp 20.000 Liter Fassungsverm\u00f6gen, sowie zahlreiche Regenwassertanks, aus denen selbst der District Commissioner Wasser gesch\u00f6pft hat (weil seine Leute die Wasserrechnung nicht bezahlt haben).<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vierzehnter Rundbrief, in dem ich ein wenig \u00fcber den Anderen Dienst im Ausland philosophiere, \u00fcber Abenteuerlust und das Ausbrechen sinniere und erfahre, warum in letzter Zeit so viele&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-107","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ben-in-kenia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=107"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=107"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}