{"id":113,"date":"1995-12-11T20:04:41","date_gmt":"1995-12-11T18:04:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ooxoo.info\/?p=113"},"modified":"1995-12-11T20:04:41","modified_gmt":"1995-12-11T18:04:41","slug":"zwanzigster-rundbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brixworx.de\/?p=113","title":{"rendered":"zwanzigster Rundbrief"},"content":{"rendered":"<p>Zwanzigster Rundbrief, in dem Zeit keine Rolle spielt und ich der Frage nachgehe, warum die Menschen hier so gen\u00fcgsam sind (nicht fertig digitalisiert).<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Wo ist die Panga?\u201c \u2013 Der seit einigen Wochen eingestellte G\u00e4rtner dreht sich um und Sarah sieht ihm hinterher, w\u00e4hrend er schweigend zum \u00fcbern\u00e4chsten Nachbarn schlendert und das an einen Freund verliehene Buschmesser zur\u00fcckholt. Sarah wendet sich wieder mir zu: \u201eWei\u00dft Du, das gef\u00e4llt mir an Kenia so: was mein ist, soll auch Dein sein und Dein ist auch mein. Mit Eigentum, wird hier noch ganz anders umgegangen.\u201c (&#8230;) Dieses Prinzip ist auch in der Sprache verankert: w\u00e4hrend es im Deutschen \u201edas ist meine Panga\u201c hei\u00dft, sagt man in Kiswahili \u201edie Panga ist mit mir\u201c und anstelle von \u201eich habe das Buch auf den Tisch gelegt\u201c hei\u00dft es hier \u201edas Buch ist auf den Tisch gelegt worden\u201c.<\/p>\n<p>(Panga: mit dem Buschmesser wird hier fast alles gemacht: im Garten dient sie als Sichel oder als Schaufel, in der K\u00fcche zum Zerlegen von H\u00fchnern (meist mit gesplitterten Knochen) und auf der Veranda als Hilfsmittel, um die Fingern\u00e4gel zu s\u00e4ubern. Passenderweise ist \u201ePanga\u201c auch der Name f\u00fcr eine Kernseife, die selbst blaue Jeans wieder in vollem wei\u00df erstrahlen lassen kann&#8230;)<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Auch wenn Kenia auf den ersten Blick sehr modern erscheint, so finde ich es doch bemerkenswert, wie viel Urspr\u00fcnglichkeit unter dieser modernen Oberfl\u00e4che zu Tage kommt.<\/p>\n<p>Da gibt es zum Beispiel Computer in den Banken, eine weitreichende Elektrifizierung, Fernsehen (oft nur mit einer Autobatterie betrieben, da nicht alle Haushalte \u00fcber einen Stromanschluss verf\u00fcgen) und Digitaluhren, aber auf der anderen Seite wird weiterhin auf dem Feuer gekocht und die Frau speist auch weiterhin mit den Kindern in der K\u00fcche, wenn Besucher kommen. Die Rolle der Frau hat sich in den vergangenen Jahren kaum weiterentwickelt: nach wie vor fast ausschlie\u00dflich in R\u00f6cke gekleidet stellen sie immer noch die eigentlichen (vielfach missachteten) Ern\u00e4hrer der Familien dar. (&#8230;) Stets mit Jembe in der hand oder 20-Liter-Kanister auf dem Kopf. Nicht umsonst wird in s\u00e4mtlicher Fachliteratur immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig der Kontakt und die Zusammenarbeit mit den Frauen ist. Aber auch die M\u00e4nner werden ihrer althergebrachten Rolle gerecht: oftmals mit einem traditionellen Stock bewaffnet in Gesellschaft anderer M\u00e4nner auf dem Weg von oder zur n\u00e4chsten Bar, in der entweder das weit verbreitete \u201eTusker\u201c oder das lokal gebraute \u201ePombe\u201c genossen wird&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Auch der Umgang mit der Zeit ist sehr urspr\u00fcnglich: allein der monatliche Bankbesuch kann Zeitr\u00e4ume von einer bis zu drei Stunden in Anspruch nehmen \u2013 und das trotz Computern und Digitaluhren&#8230;. \u201eWir leben hier einfach ein bisschen mehr pole pole (langsam)\u201c formuliertes es Field-Coordinator Metto vor ein paar Tagen, als wir uns im Anschluss an die Besichtigung einer Wasserquelle in der Schule festredeten.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Warum setzen sich die Menschen hier nur so wenig f\u00fcr die Verbesserung ihres Lebens ein? Im Stammesgebiet der Nandi gibt es nur drei Hauptgerichte: Ugali und Sukumawiki (eine Art Polenta-Maisbrei und gr\u00fcnkohlartiges Gem\u00fcse), Githeri (trockener Mais mit Bohnen) und Chai (jener Zucker mit ein wenig Tee und Milch, von dem ich bereits berichtet habe). Obwohl dieser Landstrich zu einem der fruchtbarsten Gebiete Kenias z\u00e4hlt, findet man hier nur wenig Bananen, Tomaten, Kartoffeln und anderes Obst \/ Gem\u00fcse. Die Nandi, die ich auf diese Beobachtung hin angesprochen habe, antworteten: ohne Ugali k\u00f6nnten wir nicht \u00fcberleben.\u201c \u2013 Geschmacksverirrung oder Gen\u00fcgsamkeit? Jedenfalls bleibt die Nahrungsgrundlage so einfach und unver\u00e4ndert wie seit vielen Jahren, obwohl eine gr\u00f6\u00dfere Variationsbreite mit wenig Aufwand zu erreichen w\u00e4re&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>In Kenia gibt es nur wenig \u201ekulturelle Zentren\u201c, in denen Kunstobjekte als Souvenirs angeboten werden \u2013 und selbst diese Gegenst\u00e4nde sind oft aus Tanzania, Malawi oder Uganda importiert. Kleine Ausnahmen bieten das Hirtenvolk der Maassai mit dem weltweit bekannten Schmuck und ihren Waffen und die Turkana mit ihren Flechtwaren (K\u00f6rbe, Teppiche, etc.). Dazu eine Beobachtung aus den Briefen von Gisela Grimm: \u201e&#8230; nur selten werden helle, dunkle, rote, gelbe oder wei\u00dfe Lehmsorten  zur Versch\u00f6nerung der Au\u00dfenw\u00e4nde (dieser Lehmh\u00fctten) beim verputzen verwendet, obwohl kostenlos oder f\u00fcr geringe Transportkosten vorhanden. Blumen und Obstb\u00e4ume sind eine Ausnahme. (&#8230;) Man arrangiert sich schnell mit den Gegebenheiten, der Aufwand f\u00fcr eine Verbesserung \u2013 durchaus Verbunden mit Erleichterung \u2013 wird selten geleistet (&#8230;). Einzuge Ausnahme scheint die pers\u00f6nliche Kleidung zu sein, bei der man gerne h\u00fcbsch zusammenstellt und h\u00e4ufig w\u00e4scht. Aber eine gerissene Naht oder ein Loch werden nur selten geflickt. Nat\u00fcrlich verlangt das Leben einigen Einsatz und die Menschen des relativ wohlhabenden Nandigebiets haben kein Geld im \u00dcberfluss, aber \u00c4sthetik, Versch\u00f6nerung, Farbe, Arrangement, Musik, Gesang und Tanz sind oftmals nur eine Frage des Interesses und der Aktivit\u00e4t und weniger des Geldes. Unsere Erwartung war ein weit ausgepr\u00e4gteres kulturelles Erscheinungsbild. Feste bestehen in der Regel nur aus einem Zusammensein mit einfachem Essen \u2013 nur bei sonnt\u00e4glichen Kirchenzeremonien erlebten wir einfache Trommelmusik mit H\u00fcpft\u00e4nzen. (&#8230;) Warum hat diese arme Region (die Rede ist von dem n\u00f6rdlich gelegenen Gebiet der Turkana) mit \u00e4u\u00dferst entbehrungsreichem Leben so viel mehr Kunsthandwerk hervorgebracht als das gr\u00fcne, fruchtbare H\u00fcgelland der Nandi? (&#8230;) Eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diesen Mangel an Kunst- und Kulturgegenst\u00e4nden fanden wir bisher nur in der Erkl\u00e4rung, das traditionell gefertigte Kultfiguren und Tiere mit einer bestimmten rituellen Funktion oder Aufgabe belegt waren und im Rahmen einer zeremoniellen Handlung zerst\u00f6rt wurden&#8230;\u201c Tatsache bleibt, dass nur selten der Wunsch versp\u00fcrt wird, sich das Leben etwas sch\u00f6ner und angenehmer zu machen.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwanzigster Rundbrief, in dem Zeit keine Rolle spielt und ich der Frage nachgehe, warum die Menschen hier so gen\u00fcgsam sind (nicht fertig digitalisiert).<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-113","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ben-in-kenia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=113"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}