{"id":86,"date":"2007-06-05T23:06:10","date_gmt":"2007-06-05T21:06:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ooxoo.info\/?p=86"},"modified":"2007-06-05T23:06:10","modified_gmt":"2007-06-05T21:06:10","slug":"warum-eigentlich-lateinamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brixworx.de\/?p=86","title":{"rendered":"Warum eigentlich Lateinamerika ?"},"content":{"rendered":"<p>Erster Bericht, in dem Gynna \u00fcber ihr Austauschjahr in Ecuador schreibt und damit den geographischen Grundstein f\u00fcr unsere gemeinsame Idee legt. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Mein Jahr in Ecuador  &#8211; oder Das Kennenlernen einer anderen Welt<\/strong><\/p>\n<p>Wo ist das \u00fcberhaupt&#8230; ? Wieso wolltest Du denn ausgerechnet da hin&#8230; ? Haben die da eigentlich auch Fernseher&#8230;?Was isst man da denn so&#8230; ? Hat&#8217;s dir denn gefallen und wie war&#8217;s eigentlich da in Ecuador&#8230;???<\/p>\n<p>Fragen \u00fcber Fragen, die vor meinem Austauschjahr an mich gestellt wurden und die auch jetzt noch mich stets \u00fcberfallen und auf die ich nat\u00fcrlich auch gerne Antworten geben m\u00f6chte. Nur, wo soll ich anfangen. Es ist wirklich wahnsinnig schwer auf diese ganzen Fragen zu antworten, weil ich im Endeffekt nicht wirklich etwas von dem vermitteln kann, was ich denn alles in diesem Jahr, in diesem Land mit der neuen Kultur, den &#8222;anderen&#8220; Menschen und nicht zuletzt auch mit mir selbst erlebt habe.  Aber ich werde mich bem\u00fchen, Euch einen m\u00f6glichst interessanten, anschaulichen und umfassenden \u00dcberblick \u00fcber &#8222;mein Jahr in Ecuador&#8220; zu geben.<\/p>\n<p>Warum ich ausgerechnet in Ecuador gelandet bin, kann ich eigentlich gar nicht mehr genau sagen, ich wollte eine Kultur kennenlernen, die sich m\u00f6glichst von der unseren unterscheidet, wollte gern Spanisch lernen und wurde auch von verschiedenen Leuten beeinflusst, die sich mal in diesem Raum aufgehalten haben und sehr begeistert waren.. Was es denn eigentlich bedeutet, ein Jahr seine vertraute, heile Welt zu verlassen und sich auf ein neues Leben einzustellen, habe ich erst wirklich begriffen, als es dann schon zu sp\u00e4t war&#8230;<br \/>\nDas, auf das ich mich damals einlassen wollte, konnte ich nat\u00fcrlich noch nicht begreifen, was ja wohl auch das Aufregende verk\u00f6rperte. Was ich eigentlich wollte, suchte und mir versprach, war mir nicht klar. Ich wollte nur eins &#8211; und zwar weg- und mal gucken, was so passiert. Und zwar wollte ich, dass m\u00f6glichst viel passiert, weshalb ich wohl denn auch in dieses kleine, am Pazifik liegende, lateinamerikanische, unbekannte Land gefahren bin, anstatt, wie die meisten anderen Austauschsch\u00fcler in die USA.  Meine Erwartungen, auf etwas &#8222;anderes&#8220; zu sto\u00dfen, wurden auch ausreichend erf\u00fcllt, wie ich teils dann unangenehm \u00fcberraschend bemerken musste. Denn nat\u00fcrlich war es, besonders am Anfang, nicht immer so ganz leicht, sich mit den doch sehr unterschiedlichen Lebens und Denkweisen anzufreunden. Vom Lebensstandard her, den ich in meiner Familie genie\u00dfen durfte, hatte ich keine wirklichen Umstellungsprobleme, da meine Familie wohlhabend ist &#8211; f\u00fcr ecuadorianische Verh\u00e4ltnisse&#8230;Zwar hatte ich nur ein ganz kleines Zimmer, musste meine W\u00e4sche selbst mit der Hand waschen und musste teilweise konnte man nur kalt duschen,&#8230;aber ansonsten ging es mir halt &#8222;ganz normal&#8220;. Viel interessanter, aufregender und manchmal auch erschreckender ist es dagegen, dass Land und die Menschen im Allgemeinen kennenzulernen. Besonders schrecklich war es f\u00fcr mich anfangs, mit der Armut, der Korruption und der Ungerechtigkeit umzugehen, die ich ja vorher nicht in dieser offensichtlichen und grausamen Form kennengelernt hatte. <\/p>\n<p> Wie sollte ich denn bedenkenlos akzeptieren, dass ein 15- j\u00e4hriges Kind (unser Hausm\u00e4dchen) den ganzen Tag und wahrscheinlich ihr ganzes Leben f\u00fcr eine Familie (mich inbegriffen) die gesamte Hausarbeit leisten muss, f\u00fcr einen Lohn von umgerechnet 40 DM im Monat &#8230;und das nur, weil sie eben Pech gehabt hat, keine Familie mehr hat, keine Schule besuchen kann und daher sich durchschlagen  muss, ohne von nirgendwo Unterst\u00fctzung zu bekommen. Teilweise war die Lage echt verzwickt und ich f\u00fchlte mich oft so klein und machtlos, gegen\u00fcber solchen Situationen, mit denen man halt st\u00e4ndig konfrontiert wurde, gegen die man aber auch nichts machen konnte.<br \/>\nDoch trotz der Armut und allem Elend, habe ich auch viel Lebensfreude, Herzlichkeit und Fr\u00f6hlichkeit &#8211; gerade von eher \u00e4rmeren Menschen erfahren k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich leben die meisten dort viel primitiver &#8211; die Indios mitunter nur in irgendwelchen mit Heu aufgeschichteten Kuhlen , oder zusammengetragenen Schrott, worunter sie notd\u00fcrftig wohnen. Doch allgemein habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie trotzdem gl\u00fccklich sind, da sie noch die Gabe besitzen, sich an den kleinen Dingen des Lebens intensiv zu erfreuen.<br \/>\nAu\u00dferdem sind die Ecuadorianer sehr belastbar und duldsam, was man wohl  der Situation des Landes entsprechend sein mu\u00df. Jeder sieht irgendwie zu, dass er sich m\u00f6glichst wacker durchs Leben schl\u00e4gt, an Stelle von Sozialversicherungen, tritt der Familienzusammenhalt, an Stelle von Ordnung und eingehaltenen Gesetzten, tritt die Zuversicht auf den Willen Gottes. Wie oft habe ich von leidenden Menschen nur ein hilfloses: &#8222;Es ist gut so, denn Gott will es schlie\u00dflich&#8230;&#8220;, geh\u00f6rt.<br \/>\nEs gibt einfach keine Garantie, keine Sicherheit, alles ist m\u00f6glich. So wurde den Beamten zum Beispiel ein halbes Jahr kein Gehalt ausbezahlt, weil der Staat zahlungsunf\u00e4hig war, was in Hungerstreiks und Schulschlie\u00dfungen endete. Die meisten Familien haben eben kein angespartes Geld zur Verf\u00fcgung  und sind daher unbedingt auf ihr monatliches Einkommen. Weiterhin wurden f\u00fcr eine bestimmte Zeit alle Konten &#8222;eingefroren&#8220;, was hei\u00dft, dass keiner sein Geld abheben konnte (meines ist immer noch da !). Einige Banken mussten sogar Konkurs anmelden und keiner der Anleger sah sein Geld  jemals wieder. Der Kurs der ecuadorianischen Landesw\u00e4hrung ist allein in der Zeit meines Aufenthalts um mehr als 100% gefallen. Die Stra\u00dfen wurden teilweise f\u00fcr Wochen von streikenden Indios gesperrt, so dass sich keiner mehr au\u00dfer mit Hubschrauber und Fahrrad innerhalb des Landes bewegen konnte.<br \/>\nAber schlie\u00dflich gew\u00f6hnt man sich auch an diese Lebenssituationen und l\u00e4\u00dft sich gar nicht mehr schocken, da man wei\u00df, dass alles hier unbest\u00e4ndig ist.<br \/>\nIch habe mich wirklich schnell an dieses Leben gew\u00f6hnt,  und schon bald f\u00fchlte ich mich auch in der Familie, aber auch in der Schule nicht mehr nur als Gast, sondern als echtes Mitglied, was dazugeh\u00f6rt. Sogar an die erst wirklich schockierenden Dinge dieses Landes, wie eben die Armut, die Schuhputzjungen, barfu\u00dflaufende m\u00fclleimerdurchsuchende Gestalten etc. habe ich mich gew\u00f6hnen k\u00f6nnen. Selbst diese Bilder verloren an Grausamkeit und geh\u00f6rten schlie\u00dflich zur Normalit\u00e4t. Es ist schon erstaunlich, wie man sich doch an alles gew\u00f6hnen kann, was nat\u00fcrlich nicht immer als gut zu bewerten ist.<br \/>\nDa ich ja f\u00fcr eine Sch\u00fclerzeitung schreibe, m\u00f6chte ich jetzt noch mal auf die Schule eingehen, die ich in Ecuador besucht habe. Es war eine Katholische M\u00e4dchenschule. Die Schule wurde von Nonnen geleitet und sie war deswegen stark religi\u00f6s ausgerichtet. Eine Schuluniform musste ich nat\u00fcrlich auch tragen. Richtig wohl gef\u00fchlt habe ich mich nicht in dieser Institution, was wohl daran  lag, dass ich  nicht so viel mit meinen Mitsch\u00fclerinnen anfangen konnte, denn obwohl sie im selben Alter waren, erschienen sie mir doch sehr viel j\u00fcnger und unreifer. Au\u00dferdem hatte ich immer das Gef\u00fchl nur meine Zeit zu verschwenden, denn richtig etwas lernen, konnte ich nicht.<br \/>\nEs wurde haupts\u00e4chlich frontal unterrichtet und die Sch\u00fcler werden sehr auf Gehorsam, Respekt und unselbst\u00e4ndiges Denken getrimmt, da sie gezwungen werden, alles, was der Lehrer predigt, ohne nach- und hinterzufragen annehmen m\u00fcssen. Fast nie kam es vor, dass sich ein Lehrer darauf einlie\u00df, mit den Sch\u00fclern \u00fcber ein Thema zu diskutieren und genauso selten war es daher, dass \u00fcberhaupt Fragen gestellt wurden.<br \/>\nMit manchen Gewohnheiten dieses Schullebens konnte ich mich nur schwer abfinden. So musste sich beispielsweise die gesamte Schule am Montagmorgen in Reih und Glied aufstellen, um die Woche mit dem Singen der Nationalhymne zu beginnen. Es war schon etwas seltsam f\u00fcr mich, diesen Nationalstolz zu erleben.<br \/>\nSchon von Klein auf an, lernen die Schulkinder zu marschieren. Das ist gar nicht so einfach, aber ich habe es dann auch gelernt. Einmal in der Woche, ging man dann mit seiner Klasse in die Messe. Zwar haben sie es selbst durch erhebliche Bem\u00fchungen nicht geschafft, mich zu bekehren, aber ich habe trotzdem viel \u00fcber die christliche Denkweise der Menschen gelernt und verstanden, was Glauben sein kann.<\/p>\n<p>Ich denke, dass ich sehr viel durch diesen Aufenthalt in Ecuador gelernt habe. Es war zwar die h\u00e4rteste Zeit meines Lebens, &#8211; ich habe soviel gelacht aber auch geweint, wie nie zuvor ich mich selber teilweise ziemlich zur\u00fcckstellen musste und mir die Spielregeln, die mir aufgezwungen wurden nicht immer gefallen, aber letztendlich  sind es im R\u00fcckblick viele, unendlich tolle Erfahrungen, die ich machen durfte, und die mich wohl f\u00fcr immer irgendwo bereichert und ver\u00e4ndert haben.<br \/>\nZu guter letzt m\u00f6chte ich euch jetzt w\u00e4rmstens empfehlen, mal zu \u00fcberlegen, ob ihr nicht auch Lust h\u00e4ttet, etwas Vergleichbares zu machen&#8230; Am Besten nach der 10. Klasse, nach dem Realabschlu\u00df oder eben nach dem ABI. Informationen \u00fcber Austauschorganisation AFS und die M\u00f6glichkeiten eines solchen Austauschjahres, k\u00f6nnt ihr dann gerne bei mir einholen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erster Bericht, in dem Gynna \u00fcber ihr Austauschjahr in Ecuador schreibt und damit den geographischen Grundstein f\u00fcr unsere gemeinsame Idee legt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-86","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lateinamerika"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=86"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=86"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=86"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=86"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}