{"id":94,"date":"1994-10-17T19:34:49","date_gmt":"1994-10-17T17:34:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ooxoo.info\/?p=94"},"modified":"1994-10-17T19:34:49","modified_gmt":"1994-10-17T17:34:49","slug":"erster-rundbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brixworx.de\/?p=94","title":{"rendered":"erster Rundbrief"},"content":{"rendered":"<p>Erster Rundbrief, in dem ich meinem Rucksack nicht hinterherlaufen mu\u00df, Zebras statt Schafe z\u00e4hle und einen ersten kleinen Einblick in mein neues Zuhause gebe.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Die Maschine dreht noch eine letzte Schleife und setzt zur Landung an. Draussen ist es bereits dunkel und nur ein paar Lichter kenn-zeichnen die Metropole. ich stelle meine Uhr und denke nach: acht Stunden Flug \u2013 acht Stunden, die mich von Frankfurt trennen \u2013 Stunden, die den Beginn eines anderen Lebens bedeuten \u2013 ein Leben in Kenia, in Afrika, dem geheimnisvoll lockenden Kontinent&#8230;<\/p>\n<p>Auf meinem Weg durch das Flughafengeb\u00e4ude werde ich von Touristen mit kurzen Hosen, Sonnenbrillen und forschem Schritt \u00fcberholt. Polepole denk\u2019 ich mir \u2013 hier ist Afrika \u2013 hier hat der Mensch noch Zeit&#8230; Langsam tapere ich hinter der bunten Masse hinterher und treffe sie am Schalter wieder \u2013 wartend. Kurz darauf an den fast leeren Flie\u00dfb\u00e4ndern der Gep\u00e4ckausgabe. Ich nehme meinen Rucksack und verlasse die sich \u00fcber die k\u00fchle Nachtluft beklagende Menge \u2013 es ist Nairobi bei Nacht!<br \/>\nIn der Empfangshalle werde ich sofort von Taxifahrern umlagert und bin froh, dass ich meinen Rucksack fest auf dem r\u00fccken habe \u2013 nicht wie diese Reisenden, die dort hinten dem Taxifahrer nacheilen, der mit ihrem Gep\u00e4ck voraus in der Menge verschwindet&#8230; Inmitten der vielen Gesichter das freundliche L\u00e4cheln Mister Seroneys, des Managers der Trainingsabteilung. Kurz darauf erscheint auch Wilson, der Fahrer des CITC in Kapsabet. wir fahren mit dem Subaru ins Zentrum Nairobis \u2013 diesmal regnet es nicht, aber Dunkelheit, die lange Stra\u00dfe und der einsetzende Regen machen die Fahrt zu einer Reise Raum und Zeit. Wir halten am CPK Guest House, dem Knotenpunkt aller Missionare. Nach dem Einschreiben f\u00fclle ich die Antr\u00e4ge f\u00fcr meine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung aus, dann geht es ins Bett. Lala salama \u2013 schlafe friedlich \u2013 lala salama&#8230;<br \/>\nAm n\u00e4chsten morgen nach einigen Besorgungen dann die Fahrt zum CITC \u2013 340 Kilometer \u2013 die ersten wilden Zebras \u2013 lala salama&#8230;<\/p>\n<p>\u201eIch hatte eine Farm in Afrika am Fu\u00dfe der Ngongberge\u201c \u2013 so beginnt Tanja Blixen ihr Buch \u201eAfrika, dunkel lockende Welt\u201c, das unter dem Titel \u201eOut of Africa\u201c verfilmt wurde. \u00c4hnlich kann ich jetzt von meinem neuen Heim schreiben: \u201eIch bewohne zwei kleine Zimmer in den Nandihills\u201c.<\/p>\n<p>Das Christian Intermediate Technology Centre (kurz: CITC) liegt an einem der sanften H\u00fcgelh\u00e4nge mitten im l\u00e4ndlichen Gebiet der Nandi Hills. Dieses Gebiet unweit des \u00c4quators zeichnet sich durch seine gr\u00fcnen und fruchtbaren H\u00fcgel in etwa 2.000 Metern H\u00f6he aus und wird seit langer Zeit von den Nandi bewohnt. Die Nandi waren Viehz\u00fcchter, bei denen das Vieh in bezug auf Ansehen und Stellung wie in vielen anderen V\u00f6lkern eine herausragende Rolle spielte. Im Laufe der Zeit wandelten sie sich von Viehz\u00fcchtern zu Landwirten und viele K\u00fche werden nicht mehr auf dem Weideland, sondern in St\u00e4llen (sogenannte zero-grazing-units) gehalten. Anders ist dies mit den Ziegen, Schafen und H\u00fchnern, die nahezu \u00fcberall angetroffen werden k\u00f6nnen. Die \u00e4u\u00dferst g\u00fcnstigen klimatischen Verh\u00e4ltnisse (Juli 20-25\u00b0C \/ Dezember bis Januar 30-35\u00b0C \/ Nachts unter 12\u00b0C \/ viel Sonne und h\u00e4ufiger Regen) erm\u00f6glichen zwei bis drei Gem\u00fcse-ernten im Jahr. Dennoch wird in erster Linie Tee f\u00fcr den Export und Mais, Mais, Mais f\u00fcr die eigene Versorgung angebaut \u2013 Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Bohnen und Mohrr\u00fcben findet man hingegen eher selten.<\/p>\n<p>Auf den im Durchschnitt sieben bis zehn acres (zwei bis zweieinhalb Hektar) gro\u00dfen Farmen werden in der Regel mehrere H\u00e4user gebaut \u2013 eine ausgelagerte K\u00fcche und die Unterk\u00fcnfte f\u00fcr die Gro\u00dfeltern, sowie \u00e4ltere Jungen und M\u00e4dchen. Vorherrschende Bauwei-se sind archetypischen Strohh\u00fctten und wellblechgedeckte viereckige Lehmbauten, wobei man insbesondere in der Gegend rund um die Distrikthauptstadt Kapsabet viele H\u00e4user aus Betonsteinen oder Backsteinen mit Wellblechdeckung sieht. Dachziegel in rot oder grau sind hingegen aus Kostengr\u00fcnden eher selten. Eine besondere Pr\u00e4gung erf\u00e4hrt das Landschaftsbild durch die gro\u00dfe Anzahl von Bauruinen \u2013 Projekte, die aufgrund von Fehlkalkulationen oder \u2013planungen nicht beendet wurden und nun langsam verfallen oder als g\u00fcnstige Quelle f\u00fcr Baustoffe dienen.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Nandis, die in dieser fruchtbaren Region Kenias leben (17% der Fl\u00e4che sind Ackerland, die 83% Halbw\u00fcsten und W\u00fcsten gegen\u00fcberstehen) sind relativ wohlhabend und k\u00f6nnen sich gute Kleidung (oft in Form von Anz\u00fcgen), ein Fahrrad und manch-mal sogar ein Auto leisten. Ansonsten scheinen sie sehr gen\u00fcgsam: ein Tisch, ein paar St\u00fchle und Matratzen oder Hocker und Felle bilden die Ausstattung einer schlichten Lehmh\u00fctte mit Wellblechdach \u2013 letzteres eine vom modernen Leben beeinflusste Neuerung im Hausbau, die \u2013 obwohl teuer, hei\u00df im prallen Sonnenschein, kalt in der Nacht und extrem laut im prasselnden Regen \u2013 immernoch als Zeichen des Fortschritts in der Sonne blitzen \u2013 zumindest so lange, bis sie zu rosten beginnen und langsam l\u00f6chrig werden. Wichtig scheint das Dach \u00fcber dem Kopf \u2013 alles, was in Richtung Komfort oder \u00c4sthetik vordringt, scheint zweitrangig zu sein. So k\u00fcmmert niemanden das Loch im Anzug oder im Rock (letzterer immer noch das traditionelle Kleidungsst\u00fcck der Frau) und auch im kulturellen Bereich findet man diese Einstellung h\u00e4ufig wieder \u2013 so etwas wie Kunsthandwerk hat sich hier nicht entwickeln k\u00f6nnen und Gegeben-heiten werden oftmals so hingenommen &#8211; scheinbar ohne Eigeninitiative und Willen zur \u00c4nderung&#8230;<\/p>\n<p>Neben dieser Art der Gen\u00fcgsamkeit begegne ich immer wieder Freundlichkeit und entgegenkommenden Personen mit viel Hilfsbereit-schaft und viel, viel Zeit. Auch ein mangelndes Interesse kann ich nicht best\u00e4tigen. Oft werde ich als \u201emzungu\u201c, als Wei\u00dfer oder Euro-p\u00e4er angesprochen und \u00fcber meine Heimat befragt. Immer wiederkehrende Fragen nach der Anzahl der St\u00e4mme, die es in meiner heimat gibt, dem Klima und dem \u201egenerellen vergleich zwischen Kenia und Deutschland\u201c sind zwar auf die Dauer ein wenig anstrengend, aber schlie\u00dflich habe ich auch meine Fragen, die ich gerne von einem Einheimischen und nicht von einem Reisef\u00fchrer beantwortet haben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Interesse an Deutschland (diesem gro\u00dfen fernen westlichen Paradies) kommt wahrscheinlich durch die reichen Touristen auf der einen und die in letzter Zeit verst\u00e4rkte Entwicklungshilfe auf der anderen Seite. Enland hingegen wird oft noch skeptisch als ehemalige Kolonialmacht angesehen \u2013 als ein Land, das viele Spuren in kenia hinterlassen hat: das b\u00fcrokratische System, die Han-delssprache und sogar die Zeremonien und Flaggenappelle. W\u00e4hrend Geburtstage nur im fr\u00fchen Kindesalter gefeiert werden, so stellen die nationalen feiertage f\u00fcr die Pr\u00e4sidenten (3 im Jahr) und die Unabh\u00e4ngigkeit gro\u00dfe Atraktionen dar. Bei den fetsivit\u00e4ten wird in jedem gr\u00f6\u00dferen Dorf eine vom Pr\u00e4sidenten verfasste Rede verlesen, Paraden finden statt und die Sch\u00fcler pr\u00e4sentieren stolz Lieder und T\u00e4n-ze. Nat\u00fcrlich d\u00fcrfen Milit\u00e4r und BoyScouts dabei auch nicht fehlen&#8230;<\/p>\n<p>Doch das Leben in Kenia ist nicht statisch, sondern einem st\u00e4ndigen Wandel unterworfen. Die Jugendlichen tendieren seit einiger Zeit dazu, die \u201eStammeszugeh\u00f6rigkeit\u201c von Freunden und Freundinnen nicht mehr zu beachten, sondern \u201emischen sich frei untereinander\u201c, was nicht selten zu innerfamili\u00e4ren Generationenkonflikten f\u00fchrt. Besonders gepr\u00e4gt wird das moderne Leben auch durch das Christen-tum und die Missionarsarbeiten in Kenia. Es ist mir ein R\u00e4tsel, wie sich die Menschen hier in einem gewirr von \u00fcber 800 verschiedenen christlichen Denominationen zurechtfinden&#8230; Religion und Alltag sind eng miteinander verwoben und in kaum einem Haus findet sich nicht mindestens ein christlicher Spruch oder ein kleines Bildnis (oder eine Bibel, die aufgrund der Subventionierungen in Kenia unheim-lich g\u00fcnstig sind).<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>\u201eCook it, peel it, boil it or forget it!\u201c \u2013 da das Wasser nicht abgekocht ist und ich nicht wei\u00df, wie ich es pellen sollte, lasse ich es ebenso wie den Salat und die Tomaten stehen \u2013 unangetastet. K\u00f6nnt Ihr Euch vorstellen, was f\u00fcr ein Gef\u00fchl das ist, das kostbare Wasser einfach stehen zu lassen, weil es irgendwelche Krankheitserreger beherbergen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Neben allgemeiner Landes- und Bev\u00f6lkerungskunde fand ich k\u00fcrzlich in einem Reisef\u00fchrer einen sofort anwendbaren Sprachschatz in Kiswahili, \u00fcber den ich mich doch wundern musste! Neben allgemeinen Begr\u00fc\u00dfungsfloskeln las ich dort in erster Linie Beispiels\u00e4tze wie \u201esahani hii hapana safi\u201c (dieser Teller ist nicht sauber), \u201esupa baridi\u201c (die Suppe ist kalt), \u201efunga dirisha\u201c (schlie\u00dfe das Fenster) und schlie\u00dflich sogar \u201efanya kama mimi\u201c (mach es wie ich). Ich frage mich nur, wie erst der Urlaub aussehen muss, wenn solche Sprachbei-spiele in den Reisef\u00fchrern gebracht werden&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erster Rundbrief, in dem ich meinem Rucksack nicht hinterherlaufen mu\u00df, Zebras statt Schafe z\u00e4hle und einen ersten kleinen Einblick in mein neues Zuhause gebe.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-94","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ben-in-kenia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/94","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=94"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/94\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=94"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=94"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=94"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}