{"id":97,"date":"1994-12-19T19:44:05","date_gmt":"1994-12-19T17:44:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ooxoo.info\/?p=97"},"modified":"1994-12-19T19:44:05","modified_gmt":"1994-12-19T17:44:05","slug":"vierter-rundbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brixworx.de\/?p=97","title":{"rendered":"vierter Rundbrief"},"content":{"rendered":"<p>Vierter Rundbrief, in dem ich entdecke, dass man andere Menschen durch ihre Sprache versteht und dass es gar nicht meine Schuld ist, dass meine Hosen fr\u00fcher immer so viele L\u00f6cher hatten.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>\u201eSchwindel oder Gleichgewichtsst\u00f6rungen, \u00dcbelkeit, Erbrechen, weiche St\u00fchle oder Durchfall, Bauchschmerzen, Appetitlosikeit, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Schw\u00e4chegef\u00fchl, Sehstr\u00f6rungen, Herzklopfen, langsame Schlagfolge des Herzens, unregelm\u00e4\u00dfiger Puls, Verstopfung, Haarausfall, Hautausschlag, Juckreiz, Nesselsucht, psychische St\u00f6rungen (z.B. depressive Verstimmung, Verwirrtheit, Angstzust\u00e4nde, Halluzinationen, Bewu\u00dftseinsst\u00f6rungen, paranoide Zust\u00e4nde), Krampfanf\u00e4lle, vorr\u00fcbergehender Anstieg von Enzymen, Abnahme oder Zunahme der wei\u00dfen Blutk\u00f6rperchen, Abnahme der Blutpl\u00e4ttchen (&#8230;)\u201c &#8211; Ich frage mich, wie ein an Malaria erkrankter Mensch diese auf der Packungsbeilage beschriebenen Nebenwirkungen von Lariam auch noch \u00fcberstehen soll&#8230;<br \/>\nNun gut \u2013 ich habe eine doppelte Halfankur hinter mir und bin wieder auf den Beinen. Bei Halfan handelt es sich um ein lokal hergestelltes Medikament \u2013 weniger Nebenwirkungen, geringerer Preis&#8230;<br \/>\nHabe mich \u00fcber mich selbst gewundert, als ich mich \u00fcber die Kosten einer Malariabehandlung aufgeregt habe. Vier Arztbesuche, zwei Bluttests und zwei Packungen Halfan und ein paar Tabletten Paracetamol f\u00fcr insgesamt 60,- DM. F\u00fcr deutsche Verh\u00e4ltnisse ist das fast nix, aber hier in Kenya&#8230;<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Seit vielen Jahrzehnten fragen die Briten sich gegenseitig \u201eWhat\u2019s the time\u201c \u2013 Eine philosophische Frage nach dem Wesen der Zeit? In Spanien wird dagegen mit \u201eQue hora es?\u201c nach der aktuellen Stunde gefragt, w\u00e4hrend man in Deutschland mit \u201eWie sp\u00e4t ist es?\u201c den Anschein macht, der Zeit (oder sich selbst?) st\u00e4ndig hinterherzueilen \u2013 stets im Zustand des \u201ezu-sp\u00e4t-dran-seins\u201c, die Vergangenheit im Visier (\u201ewie alt bist Du?\u201c). Bemerkenswerte finde ich in diesem Zusammenhang, da\u00df in keiner der nahezu 350 Spachen der australischen Aborigines ein Wort oder ein Konzept f\u00fcr \u201eZeit\u201c zu finden ist \u2013 der Mensch lebt in der Gegenwart.<\/p>\n<p>Im Ki-Swahili (Sprache-der-Swahili) wird die Frage nach der Uhrzeit viel einfacher ausgedr\u00fcckt: \u201eSaa ngapi?\u201c (Stunde welche) ist eine vollst\u00e4ndige und gel\u00e4ufige Frage \u2013 kurz, b\u00fcndig und alle notwendigen Informationen enthaltend oder aus dem Kontext heraus erschlie\u00dfbar gemacht..<\/p>\n<p>Die Antworten auf diese Frage fallen \u00e4hnlich simpel aus: \u201esaa tatu asubuhi\u201c (Stunde drei morgen) oder \u201esaa kumi na moja jioni\u201c (Stunde zehn und eins abend). Die Bezeichnungen \u201eAsubihi\u201c und \u201ejioni\u201c k\u00f6nnen wie \u201eusiku\u201c weggelassen werden, wenn die Zeitangabe von selbst klar ist. Die Zwischenr\u00e4ume werden in Halben und Viertelstunden abgegeben. Minuten gibt es auch, aber ich habe \u201edakika\u201c ncoh nie geh\u00f6rt. \u2013 Eigentlich auch \u00fcberfl\u00fcssig, denn wer verabredet sich schon um \u201esaa mbili na dakika ishirini na tatu\u201c (Stunde zwei und minute zwanzig und drei), also um 8 Uhr 23? Hoppla \u2013 ich verga\u00df zu erw\u00e4hnen, da\u00df die Zeitrechnung um sechsUhr morgens (also bei Sonnenaufgang) beginnt. \u201eSaa moja\u201c (Stunde eins) ist somit sieben Uhr morgens&#8230; Und noch etwas ist anders: die Woche beginnt angenehm ruhig mit dem Samstag \u201ejumamosi\u201c. \u201eJuma\u201c beudeutet Woche und \u201emosi\u201c ist eine Entfremdung des \u201emoja\u201c, der Eins. Nach diesem Z\u00e4hlverfahren ist der Montag somit \u201ejumatatu\u201c (Woche-drei), also der dritte Tag der Woche.<\/p>\n<p>Die Monate sind wie viele andere W\u00f6rter f\u00fcr Dinge, die bis zum Eintreffen der Wazungu unbekannt waren, aus einer anderen Sprache \u00fcbernommen: von \u201eJanuari\u201c \u00fcber &#8222;Aprili\u201c und \u201eSeptemba&#8220; bis hin zu \u201eDesemba\u201c. Desgleichen auch das selbsterkl\u00e4rende Wort \u201ebia\u201c (\u201epombe\u201c bezeichnet oft das einheimische Selbstgebraute).<\/p>\n<p>Artiken und gramatikalische Formen f\u00fcr verschiedene Geschlechter sind im Kiswahili soweit ich wei\u00df nicht bekannt. Was ist denn das auch f\u00fcr eine Sprache, die den Apfel als m\u00e4nnliches und die Banane als weibliches Wesen bezeichnet, w\u00e4hrend das M\u00e4dchen geschlechtlos bleibt und das Schiff \u201edie Europa\u201c als weiblich angesehen wird (doch wohl kaum wegen der kurvenreichen Form und der aufwendigen Takelage&#8230;)?<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Kiswahili ist eine silbenorientierte Sprache, in der alles m\u00f6gliche in Silben zusammengefa\u00dft wird: Personen, passiv, Zeit- und Ortsangaben, Zahlen und dergleichen. Das verk\u00fcrzt einen Satz zwar ungemein, ist aber oft recht schwierig zu entwirren, wenn man hinter den Sinn eines Satz-Wortes kommen m\u00f6chte. \u201eBaba yuko?\u201c ist eingutes Beispiel. W\u00e4hrend \u201ebaba\u201c (Vater, Papa\u201c noch recht einfach zu \u00fcbersetzen ist, bereitet yu-ko (Personenangabe-Ortsangabe) schon mehr Schwierigkeiten: \u201eer-sein-irgendwo-hier\u201c. \u00dcbersetzt also \u201eIst Vater hier irgendwo?\u201c. Einfacheres Beispiel: \u201eWapi choo?\u201c (wo Klo?) \u2013 wo ist die Toilette?<\/p>\n<p>Kompliziert wird es erst, wenn die Hauptw\u00f6rter zur Sprache kommen. Diese werden je nach Art in eine von acht Klassen gesteckt, die Vor- und Endsilben bestimmen. Diese Klassen umfassen jeweils Dinge einer Art \u2013 also Lebewesen, Pflanzen oder Fremdw\u00f6rter (zu denen auch \u201ekazi\u201c z\u00e4hlt \u2013 Arbeit&#8230;). Die Anzahl wird mit Vorsilben bestimmt: \u201em-tu\u201c: der Mann; \u201ewa-tu\u201c: die M\u00e4nner ebenso wie \u201em-zungu\u201c und \u201ewa-zungu\u201c. So kann mit dem Wortstamm \u201eswahili\u201c folgendes entstehen: \u201em-swahili\u201c (der Suaheli), \u201ewa-swahili\u201c (die Suaheli) oder gar \u201eu-swahili\u201c (Vorsible aus der abstrakten Klasse \u2013 das Land \/ Volk der Suaheli) und \u201eki-swahili\u201c (Klasse der Dinge \u2013 die Art \/ Sprache der Suaheli).<\/p>\n<p>Ein anderes Silbenbeispiel: \u201eninapigwa\u201c \u2013 \u201eni-na-pig-w-a\u201c (ich-jetzt-schlag-passiv-en): ich werde jetzt geschlagen&#8230;<\/p>\n<p>Ebenso die Ortsangabe \u201e-ni\u201c, deren Sinn einmal wieder aus dem Zusammenhang erschlossen werden mu\u00df: \u201eunatoka nyumbani\u201c (Du-jetzt-kommst Haus-aus) oder \u201eunakwenda nyumbani\u201c (Du-jetzt-gehen Haus-zu) und \u201emama yupo shambani\u201c (Mutter sie-sich-befindet Feld-auf).<\/p>\n<p>Und noch ein letztes zur sprachlich-technischen Seite: Da es im Kiswahili nur ein paar wenige Eigenschaftsw\u00f6rter gibt werden diese durch den Genitiv oder \u201e-enyi\u201c (besitzen) ersetzt: \u201emtu mwenyi akili\u201c (ein-Mann er-besitzen Verstand) bezeichnet somit einen verst\u00e4ndigen Mann. \u201eKuna basi kwenda Moshi?\u201c (es-gibt bus des-Gehens Moshi?) ist die Frage, ob es einen Bus gibt, der nach Moshi f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Stellt Euch einen Tourist der Marke Kowalski vor: mit Shorts, Sonnebrille, Safarihut, Reisef\u00fchrer und Kamera besz\u00fcckt kommt er nach Ostafrika, um hier einen Kurzurlaub zu verbringen. Auf seiner Tour begegnet er einem Kenianer, der ihn mit \u201eGive me money\u201c begr\u00fc\u00dft. Kowalski (kiswahiliunkundig) betrachtet diese Forderung als unh\u00f6flich und den Kenianer als unversch\u00e4mt. Kein Wunder wenn man bedenkt, dass bei uns Fragen und Forderungen nach \u201eGeld\u201c immer dezent umschrieben oder verpackt werden: die \u201efinanziellen Mittel\u201c, mit denen man \u201eRechnungen begleicht\u201c oder \u201eder Zahlungspflicht nachkommt\u201c. Anstelle \u201emit der Bitte, das Geld zu \u00fcberweisen\u201c hei\u00dft es da: \u201edie ausstehenden Zahlungen zu erledigen\u201c. Anders im Kiswahili, wo die Bitte \u201enipe shillingi\u201c (gib-mir Geld) \u00fcberhaupt nichts forderndes an sich hat und wo das \u201ehapana\u201c (nein) im Gegenzug auch nicht unh\u00f6flich ist. Hinzu kommt, da\u00df die zu \u00fcberwindende Schwelle in Kenia meiner Ansicht nach geringer ist. W\u00e4hrend ich in meiner Kultur in der Regel nur dann eine Bitte ausspreche, wenn ich wirklich etwas erwarte, so scheint in Kenia vielmehr nach dem Prinzip \u201eFragen kostet ja nichts\u201c gelebt zu werden. Wenn jemand einer Bitte hier nicht entspricht ist das bei weitem nicht unh\u00f6flich oder entt\u00e4uschend, sondern einfach nur&#8230;  in Ordnung.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Kiswahili wird stark vom Passiv beherrscht. \u201eDie Schere wurde auf den Tisch gelegt\u201c zeigt, da\u00df irgendjemand etwas getan hat \u2013 ich habe damit anscheinend nichts zu tun (und entziehe mich sprachlich der Verantwortung). Im gleichen Stil werden Objekte personifiziert: \u201eein Loch wollte in diese Hose kommen\u201c (Zitat Bernhard Grimm) gibt dem Loch die Schuld, das die Hose zerrissen hat, jedoch nicht dem Baum oder gar mir selbst&#8230;<\/p>\n<p>Schuldig ist stets der nicht anwesende Dritte \u2013 und wenn es keinen Dritten gibt, dann tut es notfalls auch ein personifiziertes Objekt. Vor diesem Hintergrund versteht man auch, warum vom CITC keine gebatikten Stoffe, sondern nur gen\u00e4hte Kleidung verkauft wird. Wenn ein K\u00e4ufer mit dem Stoff zu einem Schneider gehen w\u00fcrde, der zwar g\u00fcnstiger ist, aber einen unpassenden Schnitt anfertigt, so w\u00fcrde dieser dem CITC die Schuld f\u00fcr den schlechten Soff und damit f\u00fcr das schlecht sitzende Kleid geben.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Doch die Sprache h\u00e4lt auch einige lustige \u00dcberraschungen bereit: so hei\u00dft \u201eniina\u201c etwa so viel wie \u201eich bin\u201c, \u201eanika\u201c ist der Verbstamm f\u00fcr \u201ezum-trocknen-aufh\u00e4ngen\u201c und \u201ejenga\u201c hei\u00dft \u201ebauen\u201c (passend zu dem Geschicklichkeitsspiel).<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>\u201eMzungu\u201c \u2013 der Wei\u00dfe, der Europ\u00e4er. Doch woher kommt das Wort? Nach einiger Suche stie\u00df ich auf \u201ekuzunguka\u201c, was so viel hei\u00dft wie \u201eherumstreichen\u201c, \u201eherumziehen\u201c und \u201eZeit verschwenden\u201c. Es ist also nicht die wei\u00dfe Haut, die uns hier unseren Namen gibt, sondern das, was wir in erster Linie machen: \u201ezuguka, zunguka&#8230;\u201c<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Kwa herini ya kudana na tafadhali wasalimie marafiki njumbani (mit\/von\/f\u00fcr\/bei\/nach\/wegen Gl\u00fcck bis wir-sehen-uns und bitte Ihr-gr\u00fc\u00dfen-Befehlsform-Mehrzahl(Personen)-Freund Haus-in) alles klar?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vierter Rundbrief, in dem ich entdecke, dass man andere Menschen durch ihre Sprache versteht und dass es gar nicht meine Schuld ist, dass meine Hosen fr\u00fcher immer so&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-97","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ben-in-kenia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=97"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=97"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=97"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brixworx.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=97"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}