Titicaca – Copacabana – La Paz

Die Zeit des Regens, der Pisten und der hohen Paesse ist vorbei – wir sind auf dem Altiplano angekommen und freuen uns ueber gute Strassen und Rueckenwind in ueber 3.800 Metern Hoehe.

Altiplano Die Fahrt von Cusco zum Titicaca-See war nach den (gerne erlittenen) Strapazen der letzten Wochen eine reine Wohltat: eine nahezu ebene Asphaltstrasse, eine relativ direkte Streckenfuehrung und ein leichter Rueckenwind liessen uns die knapp vierhundert Kilometer innerhalb kuerzester Zeit zuruecklegen. Dabei ueberquerten wir einen letzten Pass, der die Wasserscheide zwischen Pazifik und Atlantik markiert (klasse, wenn man nur ein paar Meter weitergehen muss, um erst in das eine und dann in das andere Weltmeer zu pinkeln – auch wenn es eine Weile dauert, bis die hier entspringenden Fluesse im Meer enden…) und bekamen einen ersten Eindruck vom Altiplano – jener faszinierenden Hochebene, die sich auf 3.500 und 4.000 Metern ueber dem Meeresspiegel von Peru bis nach Bolivien hineinzieht. Ploetzlich waren die Berge verschwunden und vor uns erstreckte sich eine kilometerlange gerade Strasse, die durch die karge und aeusserst spaerlich besiedelte Landschaft fuehrte. Waehrend die Raeder ueber den (anfangs ausgesprochen guten) Asphalt dahinsurrten, konnten wir uns endlich wieder einmal nebeneinander fahrend gemeinsam ueber diese wunderbare Landschaft freuen und unsere Vorfreude auf den Titicaca-See miteinander teilen.

Trockenzeit Auch das Wetter hat sich deutlich gebessert. Gestern haben wir uns mit Freude bewusst gemacht, dass wir die Regenhosen seit der Fahrt nach Cusco vor zwei Wochen nicht mehr aus den Packtaschen holen mussten. Wie schnell man sich an gutes Wetter gewoehnen kann und den blau strahlenden Himmel als alltaeglich akzeptiert ;o)

Titicaca Der „hoechste schiffbare See der Welt“ ist schwer in Worten wiederzugeben: knapp 200 Kilometer lang, 80 Kilometer breit und etwa 340 Meter tief liegt die gigantische Wassermasse fast spiegelglatt zwischen den Huegeln auf dem Altiplano – im Osten durch die mit Schnee bedeckten und wie gemeisselt erscheinenden Koenigskordilleren begrenzt. Gynna und ich mussten uns waehrend der Fahrt am Titicaca entlang immer wieder gegenseitig daran erinnern, dass wir nicht am Meer auf Meeresniveau, sondern an einem gigantischen See in 3.850 Metern Hoehe entlangradelten…

Schwimmende Inseln Besonders geheimnisvoll wird der See durch die schwimmenden Inseln, die sich irgendwo draussen im Schilf verbergen und die Lebensraum fuer die „Nachfahren“ der Uro (inzwischen ist der letzte richtige Uro ausgestorben) bieten. Die Uro lebten einst nahezu autark auf ihren Schilfbooten ausschliesslich auf dem Titicacasee – in erster Linie vom Fischfang und vom Schilf, das ihnen nicht nur Lebensraum bot, sondern auch als Nahrung diente (heute sieht man jedoch nur noch wenig schilfmarkkauende Kinder). Auf den spaeter entwickelten schwimmenden Schilf-Inseln (Tiefgang etwa 80 cm) wurden aber auch Kartoffeln angebaut und Schweine gehalten.
Heute werden die ca. vierzig noch existierenden schwimmenden Inseln durch Solarzellen mit Strom und vom Land aus mit Frischwasser, Nahrungsmitteln und Touristen versorgt. Das Wasser des Sees eignet sich leider nicht mehr als Nahrungsgrundlage und das notwendige Geld fuer den Lebensunterhalt der hier lebenden 1.400 Menschen bringen die Touristen, die tagtaeglich in Schwaermen auf die Inseln gefuehrt werden, um hier Artesanias und Postkarten zu kaufen.
Wir hatten Glueck: mit einem Wassercollectivo fuhren wir zu einer weniger touristischen Insel und freundeten uns dort (unterstuetzt durch unser Reisemaskottchen) mit den Kindern an, die uns den Tag ueber immer wieder begleiteten.

Reisestatistik Vor ein paar Tagen hat Gynna eine kleine Reisestatistik erstellt. Faszinierendes und erschreckendes Ergebnis zugleich: in den letzten vier Tagen haben wir auf dem Altiplano etwa ein Sechstel unserer bisher in Lateinamerika geradelten Distanzen zurueckgelegt (bei Tagesetappen von bis zu 143 Kilometern auf den Asphaltstrassen des Altiplanos und den Schotterpisten der Berge ist das aber vielleicht auch kein Wunder).

Bolivien Mit den letzten Sonnenstrahlen des Aprils haben wir uns von Peru verabschiedet und die Grenze nach Bolivien ueberschritten. Glueck haben wir gehabt: wir haben zwar die Zeitzone gewechselt, aber da die Grenzer in Bolivien eine Stunde laenger arbeiten als ihre Kollegen in Peru, konnten wir die Grenze noch gerade vor dem Schliessen der Grenzposten ueberqueren.

Copacabana Die naechtliche Einfahrt nach Copacabana ist schwer zu beschreiben. Von der Grenze aus radelten wir acht Kilometer durch die Dunkelheit. Die Landschaft war hier am suedlichen Ende des Titicacasees wieder etwas huegeliger, die Strassen kurvenreicher und die Stadt somit lange Zeit nicht zu sehen. Erst kurz vor der Einfahrt nach Copacabana zeigte sie sich hinter einer kleinen Bergkuppe: geheimnisvoll schillerten die Lichter im stillen Wasser des Sees und leise Geraeusche des Nachtlebens lockten uns wieder zurueck aus der kalten Dunkelheit des Altiplanos in die Zivilisation.
Inzwischen ist der ehemalige Wallfahrtsort fest in touristischer Hand – und wird von Hippies und Alternativtouristen regelrecht ueberlaufen. Das Stadtzentrum am Hafen besteht fast ausschliesslich aus Hostales, Restaurantes und bunten Artesanias-Staenden – aber zu meinem Leidwesen war der gleichnamige Eisbecher trotzdem nirgendwo zu finden…
Bei Gynna und mir machte sich ziemlich schnell ein Fluchtinstinkt breit und so haben wir nur eine Nacht in der Stadt verbracht, bevor wir einen kleinen Abstecher unternahmen – zur …

Isla del Sol Die „Sonneninsel“ ist der Sage nach nicht nur die Geburtsstaette der Inka (der Sonnengott Inti soll hier seine beiden Kinder Manco Capac und Mama Ocllo zur Erde gelassen haben), sondern auch die Insel, aus der Waynacocha (?) aufgestiegen ist, um die Welt zu erschaffen. Zwei Tage lang haben wir uns ebenfalls von der (an Kreta erinnernden) kargen Insel verzaubern lassen, die wichtigen Kultstaetten besucht, lekker Forellen genossen und die Seele baumeln lassen, bevor wir uns wieder auf die Raeder geschwungen haben, um uns auf den Weg in Boliviens Hauptstadt zu machen:

La Paz Nach Cusco, Puno und Copacabana ist La Paz die vierte Stadt auf unserer Reise, die sich geheimnosvoll hinter einer kleinen Kuppe verbirgt und damit Eindruck schinden will, indem sie sich erst im allerletzten Moment zeigt. Bei einer 1,3-Millionen-Einwohner-Stadt (ohne das Armenviertel El Alto) ist das jedoch nicht ganz so einfach und so hat sich La Paz in einen riesiges Tal zurueckgezogen. Mit Erfolg: der Ausblick vom hoeher liegenden El Alto und die Einfahrt ueber die 12 Kilometer lange Stadtautobahn waren wieder ein fantastisches Erlebnis fuer sich! Aber auch der Aufenthalt in dieser Metropole ist spannend: das Stadtzentrum ist ein buntes Konglomerat aus spanischer Kolonialarchitektur, modernen Bauten und wuseligem Verkehrschaos.
Update: Anderthalb Tage sind wir jetzt in La Paz unterwegs, haben uns gegenseitig mit Kuchen und Eis verwoehnt (und die These aufgestellt, dass wir eigentlich nur mit dem Rad unterwegs sind, um mehr davon essen zu koennen), die vielen Museen und das bunte Treiben der Stadt genossen.

Grenzueberschreitendes Nach jeder Grenzueberschreitung fuehlen wir uns die ersten Tage wie Kleinkinder: das Geld muessen wir drei mal umdrehen, bevor wir die passenden Muenzen in der Hand halten und die Produktpaletten in den Laeden erst einmal genau inspizieren, bevor wir uns entscheiden koennen. Darueber hinaus brauchen wir immer ein paar Tage, um uns an die neuen Trachten und Umgangsformen der Menschen zu gewoehnen. Mir ist dies insbesondere bei dem Grenzuebergang nach Bolivien wieder einmal deutlich geworden: im Gegensatz zu Peru laufen die Frauen hier als kleine Textilbuendel durch die Gegend (vier bis fuenf Roecke und darueber eine Schuerze sind keine Seltenheit). Ausserdem gibt es in Bolivien eine lustige Hutmode (hier haben eher die Frauen als die Maenner „den Hut auf“), die ihren Ursprung in einer historischen Grosslieferung zu klein gefertigter Huete aus Italien hat, die irgendwann einmal nach Bolivien „entsorgt“ wurden. So laufen die Frauen heute mit viel zu kleinen Melonen auf den Koepfen durch die Gegend – aber das ist eben „italienische Mode“ …

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2 Kommentare

  1. Jana

    Liebe Gynna, lieber Ben,
    dank Bettflucht (meinem kleinen Parasiten wird es langsam eng) komm ich auch mal wieder dazu, hier reinzulesen: ja, uns gibt es auch noch…. hier ist alles in Ordnung, nur die Zeit ist knapp und die alltäglichen Pflichten haben ein ungewohntes Ausmaß angenommen. Wenn man eure Berichte so liest, beschleicht einen das Gefühl, dass es euch nicht lang in der Großstadt Berlin halten wird. Hoffentlich reicht die Zeit dann für ein paar gemütliche Balkon-Frühstücke hier bei uns. Ganz liebe Grüße Jana (und Denis)

  2. Wiebke

    Hallo Gynna,hallo Ben, im Geiste bin ich mal wieder eine Teilstrecke mit euch unterwegs.Cusco,Machu Picchu,Titicacasee mit Copacabana und Isla del Sol, natürlich vielfach das Touriprogramm aber für mich nicht weniger eindrucksvoll.La Paz kenne ich nur in der Runde Kathedrale weil mich Montezumas Rache schwer erwischt hatte.Konnte mich nicht weiter als 500 Meter vom Hotel entfernen.Seitdem beuge ich vor.Wünsche euch noch ganz viele schöne Eindrücke in Bolivien.Das Land ist spannender als hier hinlänglich bekannt ist.Flottes radeln wünscht euch die olle Tante aus Langballig

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